Mensch, zum Wächter für das Haus Israel habe ich dich gemacht: Du wirst ein Wort aus meinem Mund hören und sie vor mir warnen. (Ez 3,17): Den Auftrag, den Gott im Alten Testament dem Propheten Ezechiel gegeben hat, hat Jesus im Neuen Testament wahrgenommen, in Cal­vins Dreiämterlehre als wah­rer Elia und eigentlicher Prophet, und was der Christus getan hat, hat er den Christinnen und Christen, die in seiner Nachfolge stehen, zu tun befohlen: Mit dem Bild des Ezechiel gesagt, geht es darum, wachsam zu sein wie der Mauerwächter auf der Zinne der Stadtmauer, der Ungemach auf seine Stadt zukommen sieht, oder wie der Türmer auf dem Turm des Münsters, der seine Stadt warnt, wenn er in ihr einen Brandherd entdeckt. In Zeiten ummauerter Städ­te und be­wohn­ter Turmstuben ein geläufiges Bild.

Die Reformierten sehen dieses Amt beim re­ligiös mündigen Gemeinde­glied. Wer mündig ist, trägt Verantwortung. Sie gilt im Fall des propheti­schen Wächteramts klar dem Gemeinwesen, nicht nur religiös der Kirch­ge­mein­de, sondern auch politisch dem Zusammenleben im Staat. Pro­phe­­tie im biblischen Sinn bezeichnet nicht ein geheimes Vorwissen oder ein wunderbares Sonderwissen, das man nüchtern und sachlich nicht ha­ben kann. Prophetie bedeutet, Entwicklungen zu erkennen, bevor sie unabänderlich und schicksalhaft werden, Trends so zu interpretieren, dass ihre schlimmstmögliche, aber auch ihre bestmögliche Eska­lation vorstellbar wird, Unrecht anzuzeigen, das wie eine Seuche letztlich alle zerstören würde. Prophetisch aufzutreten bedeutet dann, das zu erken­nen, was viele nicht sehen wollen, und das auszusprechen, was wenige zu sagen wagen. Bereits im Alten Testament ist allerdings ein falscher Prophet, wem es dabei nur um die eigene Performance geht, während ein echter Prophet daran erkennbar ist, dass er an sei­ner Botschaft selbst am meisten leidet.

Den Finger auf wunde Stellen legen und Schlimmes verhüten, keinen schonen, vor Fürsten, Volk und Geistliche treten, sich weder durch Grös­se, Einfluss und Zahl, noch durch irgendwelche Schreckmittel beeindruc­ken lassen, sofort zugegen sein, wenn Gott ruft, und nicht nachlassen, bis sie sich ändern: Huldrych Zwinglis Anforderungskatalog von 1524 macht deutlich, dass dieses Amt unbestechlich, altruistisch und öffentlich wahrzunehmen ist, vor allem als Gottes Auftrag und nicht in eigener Mis­sion.

Wie konkret und wirksam dies werden kann, zeigen mutige Christinnen und Christen wie Harriet Beecher-Stowe in den U.S.A., Christiaan Fre­derick Beyers Naudé in Südafrika, Olympe de Gouges in Frankreich, Jan Palach in Tschechien, Hans-Jürgen Sievers in der DDR und viele andere mehr.

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