Alte Schweizerinnen und Schweizer sagen bis heute nicht, sie gingen am Sonn­tag in den Gottesdienst. Im Dialekt heisst es zPredigga: zur Predigt gehen. So deutlich steht die Predigt im Mittelpunkt, dass das Wort Got­tesdienst auch wegfallen kann. Architektonisch wird dies an Kirchen, die von Reformierten gebaut worden sind, manchmal auch gut sichtbar, archety­pisch im Temple de Charenton bei Paris, von dem historische Zeichnun­gen erhalten sind: In der Mitte der Kirche, die nun eine Predigthalle ist, steht die fixe und unverrückbare Kanzel nun anstelle des fixen und un­ver­­rück­ba­ren Altars. Sie ist erhöht, weil dort, wo früher Triforien gewesen sind, schmale Laufgänge für Mönche und Priester, nun grosse Emporen sind, Platz für die Gemeinde, die sich um das Wort schart. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20). Reformierte nehmen das wörtlich.

Gottesdienst bedeutet nicht mehr, dass der Mensch Gott dient, indem er sei­­ne Heilstat, das Opfer Jesu am Kreuz, als Messopfer rituell wiederholt und liturgisch vergegenwärtigt. Nun dient Gott den Menschen mit seinem Wort, das am Sonntag die Mitte bildet, damit der Mensch, erfüllt vom Wort, in seinen Alltag gehen kann, um dort wiederum Gott zu dienen mit seiner Arbeit, mit Gottesdienst im Alltag. Um diese fundamentale Ände­rung anschaulich zu machen, predigt Huldrych Zwingli 1525 am Tag der Zür­cher Stadthei­li­gen erstmals auf dem neuen Lettner des Grossmün­sters, also erhöht und in der Mitte, wobei die Steinplatte, die nun die Kanzel trägt, bis zur Entfernung der Bilder die Altarplatte in der Kapelle der Stadt­­heiligen gewesen ist. Eine nüchterne, aber demonstrative Um­nut­zung: Was den Kult des Messopfers getragen und dem Kult der Mitt­ler ge­dient hat, trägt nun das Wort und den Diener am göttlichen Wort: den verbi divini minister, den VDM, wie Schweizer Pfarrerinnen und Pfarrer, was ihre Befähigung betrifft, bis heute heissen. Der Predigtgot­tes­dienst ist Herzstück der Gemeinde. Das Wort nimmt die Mitte ein. Chri­stus ist der Stadtheilige.

Zwischen Zürich und Genf gibt es in der Frage der Ämter in der Ge­mein­de einen deutlichen Unterschied: Gemäss Heinrich Bullinger ist das Pre­digtamt das einzige ordinierte Amt, während andere in der Ge­meinde Dienste versehen. Zuerst Martin Bucer und dann Jean Calvin in der Genfer Kirchenordnung von 1541 se­hen vier ordinierte Ämter (Eph 4,11; Rö 12,6-8): den pasteur für Verkün­di­gung und Sakramente, den docteur für Unterweisung und Nachwuchs­för­de­rung, den diacre für Trost und Hilfe, den ancien für Leitung und Kir­chen­zucht.

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