Das römisch beherrschte Mittelalter kennt sieben Kardinaltugenden und sieben Todsünden. Reformiert geprägte Regionen der Neuzeit haben die Ethik auf eine Kardinaltugend und eine Todsünde reduziert. Die Kardinal­tu­gend heisst Nüchternheit. Die Todsünde heisst Sichrühmen.

Das Törichte dieser Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschä­men, und das Schwache dieser Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen, und das Geringe dieser Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts gilt, um zunichte zu machen, was etwas gilt, da­mit kein Mensch sich rühme vor Gott. (1Kor 1,27-29) Mit eindrücklicher Rhetorik predigt Paulus die verkehrte Welt. Nicht die gesellschaftlich An­erkannten, die etwas gelten und sich ihrer Geltung rühmen, sind Gottes Lieblinge, sondern die Törichten und Schwachen, Geringen und Verach­teten, die gesellschaftlichen Outcasts, die nie Anlass haben, sich zu rüh­men. Nun sind die Grossen genichtet, die Kleinen aber erwählt. Warum? Die nichts zu rühmen haben, können sich nur noch dessen rühmen, dass sie Gott erkennen, der allein Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Er­den (Jer 9,23).

Nüchternheit ist eine Folge der herr­schafts­kritischen Grundhaltung, die Machtentfaltung und Hofhaltung, Pomp und Prunk, aber auch jede Art von geistiger Anmassung oder gefallsüchtiger Selbstdarstellung ideolo­gie­kritisch verwirft. Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn. (1Kor 1,31) Nüchternheit wird zur Grundlage der calvinisti­schen Arbeitsethik, die ausschliesst, sich eigener Erfolge zu rühmen oder mit irdischen Gü­tern Erfolg zu demonstrieren. Die reformierte Kirche ist keine ecclesia tri­um­phans, und der prosperity gospel ist kein biblisches Evangelium. Le­ben soll decently and in order gelebt, Arbeit soli Deo gloria getan wer­den. Keine Verwerfung von Erfolg und Gewinn ist dies, aber eine andere Zuschreibung und Darstellung.

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