Nach Jean Calvins Confession de La Rochelle von 1559 ist der Heidelberger von 1563 das zweite der vier grundlegenden und bis heute wirksamen Lehr­be­kennt­nisse der welt­weiten reformierten Kirchenfamilie. Ihm folgen 1566 die Confessio Helve­tica Posterior von Heinrich Bullinger und 1646 die West­minster Confession einer presbyterianischen Theolo­gen­gruppe. Zusammen bilden sie ein Quartett, das die Epoche von 1550-1650 als Jahr­hun­dert der Lehrbildung markiert. Keine Bekenntnisse sind dies, die eine Gemeinde im Gottesdienst liturgisch sprechen könnte, son­­­­­dern Glau­­benslehren, in denen Theologin und Theologe zur Orientie­rung oder Vergewisserung nachschlagen.

Ausgelöst wird der Heidelberger durch Friedrich III., der 1559-76 als Kur­fürst von der Pfalz regiert. Er wendet sich den Reformierten zu. Zacha­ri­as Ursinus erhält den Auftrag, ihm und seinen Untertanen ver­ständlich zu ma­chen, was der neue reformierte Glaube ist. Im Stil uni­versitären Leh­rens und Prü­fens packt Ursinus die Lehre in 128 Antworten, die er durch 128 Fragen künst­lich auslöst. Einzig Frage und Antwort Nr. 80 zu reformiertem Abendmahl und römischer Messe ha­ben ver­mutlich in Kaspar Olevian einen anderen Verfasser. Wie 1559 die Con­fes­si­on de la Rochelle unmittelbar mit der Ordonnances ecclésiastique ver­bun­den worden ist, das Bekenntnis des Glaubens mit der Ordnung der Kirche, so wird 1563 auch der Heidelberger Katechismus mit der Kir­chen­ordnung für die Kurpfalz verknüpft. Erst der Glaube, dann die Kir­che: form follows function. Seit 1614 gilt der Heidelberger in der Schweiz, seit der Synode von Dordrecht 1618-19 ist er integraler Bestandteil der welt­wei­ten Reformierten Bekenntnisschriften.

Die 129 Teile bilden einen Vorspann (1-2) und drei Hauptteile in typisch reformierter Abfolge: Von des Menschen Elend (3-11), Von des Men­schen Erlösung (12-85) und Von des Menschen Dankbarkeit (86-129). Typisch ist, dass die Ethik, die sagt, was vom Mensch noch zu tun sei, der Dog­matik, die sagt, was von Gott schon getan ist, folgt. Dadurch verliert das Tun des Guten das alte Motiv, sich damit selbst zu er­lösen, und das neue Motiv gewinnt, Gott damit zu danken. Im Vorspann bereitet die zweite Frage diese dreiteilige Anlage vor.

Entscheidend aber ist die erste Frage: Was ist dein einzi­ger Trost im Le­ben und im Sterben? Deren Antwort können Generationen auswen­dig: Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre …