Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn ein Mensch kann mich nicht sehen und am Leben bleiben. Aus Gottes Ablehnung einer Bitte des Mo­se (Ex 33,20) ist ein reformierter Grundsatz entstanden: Endli­ches (kann) Un­end­li­ches nicht fassen. Zuerst hat ihn Wolf­gang Musculus in Bern for­mu­liert (gedruckt 1599): Was endlich ist, kann Unendliches nicht erken­nen.

Nach innen spielt dieser Grundsatz eine Rolle bei der Frage, wie sich das Gottsein Christi zum Menschsein Jesu verhält und wie die Glau­bens­­aussage, der Mensch Jesus sei der inkarnierte Christus Gottes, zu ver­stehen ist, eine Frage der Christologie und Trinitätslehre. Nach aus­sen aber ist der Grundsatz zum ideologiekritischen und eschatologi­schen Fundament der Reformier­ten geworden: Was kein En­de hat und also un­endlich ist, ist auch ewig und vollkommen. Die­se Attri­bu­te kom­men nur Göttlichem zu, nach Aus­sage des Deka­logs einem einzigen Gott (Ex 20,3). Niemand anderes und nichts anderes kann dem­nach Ewig­­keit und Voll­kommenheit bean­spruchen.

Wieso ideologiekritisch? Die Reduktion des infinitum auf Gott entlarvt An­sprüche von Endlichem auf Ewigkeit und Vollkommenheit als ungebühr­liche Anmassung, als Selbstvergöttlichung, als Hybris. Jeder religiöse, po­liti­sche, kulturelle oder ökonomi­sche Anspruch, Ewiges zu errich­ten und Vollkomme­nes zu be­haup­ten, also unhinterfragbar und letztgültig zu sein, wird nun als Versuch erkennbar, Allmacht auszuüben. Diese aber ist nur gut, wenn ein einziger sie hat: Gott. Entsprechend kritisch sind Re­­­formierte seither, wenn jemand sich allmächtig verhält, und sei es nur für den Moment.

Wieso eschatologisch? Im Endlichen kann es keinen normativen Idealzu­stand geben. Kein Moment in der Zeit ist vollendet, denn wäre er es, wä­re er kein Moment mehr. So ist in der Geschichte alles veränderlich und verbesserlich, aber nichts vollkommen. Es gibt keine Zeitpunkte, die ein für alle Mal ideal und daher massgebend sind. Immer steht die Vollen­dung eschatolo­gisch noch aus. Gott kommt auf mich zu.

Auch für das Abendmahl hat der Grundsatz eine Bedeutung: Brot und Wein sind nicht Fleisch und Blut Jesu Christi, sondern verweisen darauf. Das est in den Einsetzungsworten ist als significat zu verstehen (1Kor 11,23-26). Die Mahlfeier wiederholt kein Opferritual, sondern er­in­nert an Befreiung und Versöhnung.

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