Eine Besonderheit der reformierten Reformation ist die Rolle der Städte. In ihnen ist sie eine Bürgerbewegung. Der Freiheitsdrang der Städte, die durch Handel wohlhabend geworden sind und sich oft­mals wie die Han­se oder die Fugger zu Netzwerken verbunden haben, kommt der Refor­ma­tion zugute. Sie ist eine Befreiung gegenüber Klerus und Adel. Frühes Bürger­be­wusst­sein zeigt sich, indem man den Wandel selbst in die Hand nimmt. Die Disputation ist ein solches Instrument, manchmal wird sie auch Religionsgespräch oder Streitgespräch genannt.

Auch das Instrument ist urban, denn es stammt aus dem Prüfungs­ver­fah­ren der Universität, und diese gehört in die hoch- und spät­mit­telalterli­che Stadt. So hat Prag seit 1348 die älteste nordalpine Universität und Marburg seit 1527 die älteste protestantische Universität. Der Prüf­ling stellt sich einem öffentlichen Streitge­spräch, verteidigt seine The­sen und zeigt so den Stand seines Wissens und Könnens. 1180-1220 hat sich die fixe dis­pu­tatio ordinaria entwickelt, 1260-1320 die the­matisch und perso­nell offe­ne dispu­tatio quodlibetalis. Diese ist die Vor­form der reformatori­schen Disputation.

So kommt es in der Epoche der Reformation zu einer urbanen, partizipa­tiven und früh­de­mokratischen Form öffentlicher Meinungs- und Entschei­dungsbildung. In der Regel wird die Disputation von der Obrigkeit ein­be­rufen, in der Schweiz und in freien Städten vom Rat, sonst vom Fürst. Re­derecht haben alle Stände: Klerus, Adel, Bürgerschaft. Verbundene Städte und Ge­walten werden eingeladen und entsenden Delegationen. Das Volk hört als Publikum zu.

Für die Reformierten sind neben den drei Zürcher Disputationen im Zeit­raum vom 29. Januar 1523 bis zum 14. Januar 1524, dem eigentlichen Be­ginn der reformierten Reformation, auch diese Disputationen wich­tig: 1525 in Memmin­gen und Ilanz, 1526 in Baden und Oldersum, 1528 in Bern und 1529 in Marburg. Die Disputation markiert einen Un­terschied zwi­schen lu­therisch-deutscher und reformiert-schweizerischer Refor­ma­tion: Ty­pisch reformiert sind Bürgerentscheide statt Fürsten­ent­scheide. Nicht der Fürst entscheidet über den Glau­ben seiner Unterta­nen, son­dern Bürger entscheiden über den reli­giö­sen Weg ihrer Stadt, damals na­türlich mit Folgen für deren Einzugsbereich.