Am Anfang war die Wolke. 2014 stellten wir uns die Frage, wie wir den Auftritt der reformierten Schweiz gestalten wollten, den wir im Juni 2015 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart haben würden: im Reformationsdorf auf dem Schillerplatz und umgeben von Lutheranern.

Aus dem Fundus der Monographie “Die Reformierten. Suchbilder einer Identität” von 2002 stellten wir für die drei Innenseiten unseres grossen Zelts drei Wörterlisten zusammen: reformierte Themen, Personen und Orte. 138 Wörter waren dies von früher und heute, nah und fern. Daniel Lienhard ballte sie zu drei tag clouds zusammen, Wortwolken, wie sie im Internet begegnen, in verschiedenen Farben und abgestimmt auf das Grün des Kirchenbunds für das R der Reformation und der Reformierten. Die Gestaltung des Stuttgarter Zelts sollte so realisiert werden, dass das Material auch danach verwendbar wäre.

So zogen die drei Wolken weiter nach Kappel. Dort fanden von Januar bis März 2016 die jährlichen Kirchentagungen der Zürcher statt, diesmal zur Frage, warum und wie nach bald fünfhundert Jahren die reformierte Reformation zu feiern wäre. Jeweils am Abend durften Einzelne sich Auskünfte zu einigen der 138 Wörter wünschen, und wenn niemand im Saal sie geben konnte, waren wir gefragt. Um nicht kneifen zu müssen, entstand für diesen Zweck ein schnell geschriebener Steckbrief, die Vorform dieses Lexikons. Der Erfolg in Kappel, nicht zuletzt Rückmeldungen von Gästen des deutschen Reformierten Bunds und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds ermutigten uns, den Kappeler Spickzettel zu erweitern und ein Lexikon in Angriff zu nehmen.

Die Wolken sind gefüllt. 365 Einträge, bei Orten und Personen im Kurzstil lexikalischer Artikel, bei Themen in ganzseitigen Essays. Bibelstellen sind nach der Zürcher Bibel zitiert. Die Artikel decken viele reformierte Gebiete der Welt ab und reichen von den Anfängen bis zu noch lebenden Personen. Auch Sympathisanten sind berücksichtigt, vor allem alle Lebensbereiche. Um Gerechtigkeit zwischen Frau und Mann haben wir uns bemüht. Wissen aus Lexika und Sachliteratur ist zuweilen ergänzt um Wissen aus dem Netz. Der Lesbarkeit wegen haben wir auf Nachweise verzichtet.

Wolken bergen Überraschungen. Nach fünfhundert Jahren lohnt es sich zu entdecken, wer die Mütter und Väter waren, wie sie reformiertes Denken und Handeln profiliert haben, wo einiges davon zu sehen und zu erleben ist, welcher Geist sie getrieben hat und ob derselbe Geist uns weiterhin inspirieren kann. Erinnern ist Erneuern.

Wir danken Kirchenrat und Kirchenbund für den Auftrag und die Unterstützung, den Landeskirchen für die Empfehlung dieses Buch, vielen einzelnen, die uns mit Ideen und Informationen unterstützt haben. Möge die Wolke weiterziehen und viele angenehm überraschen.

Geleitworte

Wolken-Alphabet? Wolkig sind sie nicht, diese 365 Artikel, sie sind präzis, knapp, pointiert – gut reformiert eben. Namen von Personen tauchen auf, ein paar Maler zum Beispiel, eine Popsängerin, eine Königin, überhaupt auffällig viele adelige Frauen, ein Goldschmied, ein Astronaut, Theologen natürlich, dazu einige Orte, die für die Reformation wichtig sind. Eklektisch ist die Sammlung, ungezwungen die Lektüre. Die Wolke der eigenen Gedanken schweift rasch mit der Wolke der Glaubenszeugen in alle möglichen Richtungen. Und immer wieder trifft man beim Lesen auf theologische Kleinode: verdichtete, gut verständliche Lexikonartikel zu Kernfragen dessen, was den Autoren als reformierte Identität gilt. Hier trifft klarer Gedanke auf scharfe Sprache, gelegentlich diskutierbar, immer bedenkenswert. Wer sich darauf einlässt, ist gehalten, selber zu denken. Und das ist ganz im Sinn der Autorschaft: So ist die reformierte Reformation in besonderem Mass eine Bildungsbewegung. Selbst zu lesen, selbst zu denken, selbst zu interpretieren will gelernt sein, und Lernen endet nie. Dann also allen Leserinnen und Lesern: frohes Lernen!

Gottfried Wilhelm Locher, Ratspräsident, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund

Gottfried Locher

Die Reformation von A bis Z: Das ist kein systematischer Zugang, vielmehr assoziativ und auch zufällig. Das Wesen der Reformation erschliesst sich nicht durch logische Schlussfolgerungen – gleichsam kausal –, sondern erst allmählich, durch Wirrungen und Irrungen, durch Beschriebenes und auch durch Fehlendes. Nach letzterem habe ich als erstes gesucht: Wer oder was fehlt? Etwa beim Buchstaben L! Die Leserschaft ist eingeladen, selber zu suchen und zu entdecken, wonach sie nicht gesucht hat.

Ist das nun gut oder mangelhaft? Spricht das für die Kompetenz der Autoren und wird das dem Gegenstand gerecht? Es spricht auf jeden Fall für die Lust von Matthias Krieg und Anne Durrer, zu überraschen, Aufmerksamkeit zu wecken, zum Denken und Lernen anzuregen. Und der zufällige Zugang zur Reformation in Geschichte, Wirkung und Gegenwart ist wohl angemessen, denn er tritt der Vorstellung entgegen, da hätte einer an einem gewissen Ort zu einem gewissen Zeitpunkt das eine Entscheidende entdeckt und so die Reformation mit Hammerschlägen begonnen. Vielmehr ist Reformation vielfältig, von A bis Z, und wenigstens das Ende ist klar: Bei Z kommen Zürich und Zwingli. Bis es aber so weit ist, wünsche ich der Leserschaft viel Spass und das Vertrauen, sich von Anne Durrer und Matthias Krieg durch das Wolkenalphabet führen zu lassen.

Michel Müller, Kirchenratspräsident, Reformierte Kirche Zürich

Michel Müller

Foto: © Reformierte Kirche Kanton Zürich