Wie weiss ich, dass ich von Gott angenommen bin? In dieser Lebensfra­ge unterscheiden sich römische und reformatorische The­o­logie. Der Ka­tholik hat Heilsgewissheit durch gute Werke, die er tut. Wie aber kommt der Reformierte, der sich so kein Heil verdienen kann, zu seiner Heilsge­wiss­heit? Der Soziologe Max Weber beantwortet die Frage 1904-05 aber mit der Prädesti­na­tions­leh­­re von Dordrecht: Am Wohlstand aus seiner Ar­beit kön­ne er sehen, ob Gott ihn zum Guten oder Schlechten prädesti­niert ha­be. Die Weberthese verbindet eine typisch reformierte Lebens­hal­­tung mit der Entstehung des Kapitalismus. Sie ist umstritten. Richtig daran ist sicher das calvinistische Arbeitsethos. Es hat mit der Auffas­sung von Prä­destina­ti­on und Gottesdienst zu tun.

Mit Prädestination insofern, als der Schöpfer jedem seiner Geschöpfe Fä­­higkeiten mit­gegeben hat, Begabungen und Talente, Charismen. Ob Pflanze, Tier oder Mensch, jede species kann etwas und hat ein Poten­zial. Dazu hat der Schöpfer jedes Geschöpf bestimmt, dass es sein Po­tenzial entfalte. Geschieht dies, so entspricht es seiner Bestim­mung. Prä­destination ist also positiv, indem sie Leben gibt und zugleich er­mög­licht, es auch zu führen.

Die Reformierten unterscheiden beim Gottesdienst zwei Varianten: Im Got­tes­­dienst am Sonntag dient Gott dem Menschen mit seinem Wort. Ver­steht es der Mensch, so hat er bereits Heilsgewissheit. Im Gottes­dienst im Alltag, der besonderen Variante der Reformierten, dient der Mensch Gott mit seiner Arbeit. Er tut sie an dem Ort, an den sein Schöp­fer ihn durch seine Begabung hingestellt hat: Der Bauer auf dem Feld, die Ma­nagerin in der Firma. Arbeit ist nicht Leistung, um Gott gnädig zu stimmen, sondern Ent­faltung, um Gott zu danken. Sie geschieht für kein Bankkonto und keine Bereicherung, sondern soli Deo gloria. Sie gibt nicht Grund, sich selbst zu rühmen, sondern rühmt den Geber der Be­ga­bung.

In der Praxis hat diese Haltung durchaus kapitalistische Folgen: Weil Ar­beit zur Ehre Gottes geschieht, muss sie möglichst gut sein, und so ent­wickeln Reformierte hohe Selbstdisziplin und Gründlich­keit, die Pro­duk­ten natürlich zugute kommen. Weil Arbeit nicht der Selbstbereicherung dient, kommt es zur Akkumu­lation von Kapital und zur Reinvestition in die Arbeit, die dem Wachstum von Betrieben ebenso natürlich zugute kom­men.

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